Wie die Cigarre in die Neue Welt kam.
Ein cigarophiler historischer Abriss
Am Anfang war der Tabak. Und am Beginn des gehobenen Tabakgenusses steht die Cigarre. Tabak und Cigarre haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich – und werden mit Bestimmtheit noch so manches Auf und Ab erleben.
Wann sich jene Pflanze, die heutzutage als »Tabak« bekannt ist, in den Erdenläuften herausgebildet hat, lässt sich nicht genau bestimmen, wohl aber lokalisieren. Ihr Ursprung liegt jedoch nicht, wie in Anbetracht der kubanischen und dominikanischen wie der nicaraguanischen und honduranischen Premium-Cigarren vielleicht vermutet, nicht in der Karibik, auch nicht in Mittelamerika, jenem schmalen Verbindungsglied der beiden Subkontinente, sondern weiter südlich, dort, wo sich heute die Länder Peru und Bolivien befinden. Hier, in den Hochebenen der Anden, hat das Nicotiana tabacum seinen genetischen Ursprung; so die übereinstimmende Meinung der Wissenschaft. Mit der Zeit – daran besteht ebenfalls kein Zweifel – breitete sich das grünliche, schnell wachsende Nachtschattengewächs vor Tausenden von Jahren durch Vogelflug im mittel- und im südamerikanischen Raum aus.
Kult, Ritual – und folgenreiche Entdeckungen
In Mittelamerika, genauer im heutigen Mexiko, erhält der Tabak erstmalig kulturhistorische Bedeutung. In präkolumbischer Zeit spielt er vor allem bei den Azteken und den Maya während ritueller Handlungen eine wesentliche Rolle: Durch starkes Inhalieren des Tabakrauchs versetzen sich die Priester in eine Art Trancezustand, um so ihren Göttern näher zu sein. Der Begriff für jenes »Produkt«, welches bei den Priestern Bestandteil der Rituale ist, lautet »Ciqar«. Über den Ursprung des Worts ist von den Maya folgende Erklärung überliefert: »Die Ciqar haben die Götter erfunden, um sich selbst den ganz besonderen Genuss am Tabakgeschmack zu schenken. Jedes Mal, wenn es blitzt und donnert, schlagen die Götter Feuer, um sich eine Ciqar anzuzünden.« Aus »Ciqar«, mitunter auch »Ciquar«, entwickelt sich mit der Zeit das Wort »Cigar«; im Deutschen heißt es irgendwann »Cigarre«. Umfassend – und dabei sehr weit ausholend – übersetzen Europäer vor der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert den Begriff »Ciqar« folgendermaßen: »Etwas Brennbares, das gut schmeckt und gut riecht.«
Somit ist schon Jahrhunderte vor der Entdeckung Amerikas der Tabak als ritueller Gegenstand bei bedeutenden und weniger bedeutenden Feierlichkeiten der vorkolumbischen Einwohner fester Bestandteil des kultischen und religiösen Lebens. Auch die Zeremonie, bei der die Friedenspfeife der Indianer Nordamerikas im wahrsten Sinne des Wortes zum Zuge kommt, ist ein Akt, dem immense Bedeutung beigemessen wird. Das Rauchen von Tabak besiegelt praktisch eine Vereinbarung, ja, sie wird als Schlusspunkt, als »Unterschrift« eines Vertrags akzeptiert. Dabei handelt es sich, der jeweiligen Situation angemessen, um ein durchweg ernstes Ritual, bei dem der Genuss zweitrangig ist.
Von der Pfeife einmal abgesehen, gilt heutzutage die (von Hand gerollte) Cigarre dagegen als reines Genussmittel – und dennoch: Wer sich beispielsweise abends, sozusagen nach den Mühen des Tages, eine Cigarre anzündet, der weiß zwar um den kommenden Genuss, weiß aber auch um die Aufmerksamkeit, die ihm eine Cigarre während des Rauchens abverlangt. Eine Cigarre – besonders eine großformatige – lässt sich nicht einfach so »nebenher« rauchen wie etwa eine Cigarette. Das ist auch der wesentliche Unterschied, der zwischen einer Cigarette und einer Cigarre besteht: Während das Rauchen von Cigaretten oftmals Suchtcharakter hat, geht es beim Rauchen von ein, zwei Cigarren am Tag vor allem um Genuss. Hier schließt sich zunächst einmal der kleine (kulturhistorische) Kreis: Das stilvolle Rauchen einer Cigarre birgt sehr viel Rituelles in sich. Damit das Rauchen tatsächlich zum Genuss wird, bedarf es eines hohen Qualitätsanspruchs bei der Herstellung einer Cigarre. Das fängt beim Wissen um den Tabak, seine Ursprünge und Eigenschaften an, setzt sich mit einer sorgfältigen Analyse der Rohstoffmärkte fort und hört mit der Produktion noch lange nicht auf, denn auch eine richtige Lagerung gehört zu den wichtigen Kriterien, die letztendlich eine gute Cigarre ausmachen.
Die Europäer entdecken die »Cigarre«
12. Oktober 1492. Der genuesische Seefahrer Christoph Kolumbus geht auf seiner ersten Expeditionsfahrt in spanischen Diensten vor einer zur Bahama-Gruppe gehörenden Insel vor Anker. Er ist vor Guanahaní gelandet, das er »San Salvador« nennt, und hat, wenn auch versehentlich, die beiden Amerika entdeckt. Fünfzehn Tage später, am 27. Oktober, segelt er mit seinen Schiffen »Santa Maria«, »Pinta« und »Niña« in die schützenden Gewässer der Bahia de Gibara der Insel Colba, wie die Eingeborenen die größte der dortigen Inseln nennen. Kolumbus ist der Meinung, auf Zipangu gestoßen zu sein, jenes legendenumwobene Japan, das dem von Marco Polo beschriebenen Reich des Großkhans vorgelagert sein muss. Doch es ist nicht Japan, auf das er gestoßen ist, sondern, wie gesagt, Colba, das heutige Kuba.
Zwei Matrosen, Rodrigo de Jerez und Luis de Torres, die der Atlantiküberquerer für eine erste Erkundung des Eilands an Land geschickt hat, treffen dabei auf Eingeborene, die seltsame Stäbe aus getrockneten Blättern formen, um sie dann an der einen Seite »in Brand zu setzen« und an der anderen den durch das Anzünden entstandenen Rauch zu inhalieren. Das mag den beiden Europäern womöglich interessant, bestimmt jedoch befremdlich vorgekommen sein. Vielleicht empfinden sie das so, wie es einem Bericht zu entnehmen ist, der in die Zeit kurz nach der Entdeckung Amerikas fällt: »Männer und Frauen trugen kleine glimmende Feuer in der Hand, die von wohlriechendem Kraut herrührten. Trockene Blätter dieses Krauts waren in ein ebenfalls trockenes Blatt gerollt. Das Ganze glich einer Spielzeugtrompete. An dem einen Ende brannte die Glut, an dem anderen sogen die Eingeborenen Rauch ein, wobei sie größten Genuss zu empfinden schienen. Sie nannten diese Blattrolle »Tabago«.« Mit dem Wort »Tabago« meinten die Eingeborenen nichts anderes als »Rolle«. Wie das oft bei Überlieferungen geschieht, hat sich daraus ein ganz anderer Begriff entwickelt… »Tabak«.
Rodrigo de Jerez und Luis de Torres sind somit die ersten Europäer, die mit dem Tabakrauchen und, wenn auch im entferntesten Sinne, mit einer »Cigarre« Bekanntschaft machen – »entfernt« deshalb, weil es sich bei diesen »Kolben« der Indios nun wirklich nicht um Cigarren heutigen Zuschnitts handelt. Demnach ist es übertrieben, zumindest jedoch ein wenig weit hergeholt, wenn bisweilen von einer über fünfhundertjährigen »Geschichte der Cigarre« die Rede ist.
Von einer »Cigarre« lässt sich erst sehr viel später sprechen, genau genommen seit 1676, als die ersten Cigarren in Europa gefertigt werden. Das geschieht in Sevilla. Somit ist die andalusische Universitätsstadt praktisch der Geburtsort der Cigarren, wie wir sie heute von Format und Aussehen her gewohnt sind. Mehr als ein halbes Jahrhundert später erkennt dann der spanische Staat, dass mit Cigarren – und darüber hinaus durch das Erheben von Tabaksteuern – das mühselige Füllen der meist leeren Staatskasse leichter vonstatten geht und dass eine gewisse Kontrolle bezüglich der hergestellten Tabakwaren ebenfalls von Nutzen sein kann, und so werden 1731 in Sevilla die »Königlichen Cigarrenmanufakturen« ins Leben gerufen.
Zurück in die Neue Welt
Auch wenn im spanischen Sevilla die ersten Cigarren heutiger Prägung entstehen, so gilt doch Kuba als das »Mutterland der Cigarre« und wird Havanna als die eigentliche Metropole der Cigarrenwelt angesehen.
San Cristóbal de La Habana. Allein schon der komplette Name von Kubas Hauptstadt lässt das flirrende Treiben in dieser Stadt erahnen. Hier klingt die Musik des Salsa mit, jenes Tanzes, der Elemente des afrokubanischen Jazz, der mexikanischen Ranchera, der Rumba, des Bossa Nova wie des Latin Rock und der puertoricanischen Jibaro-Musik in sich vereint, die wiederum auf die volkstümliche kubanische Tanzmusik der dreißiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurückgeht. Da werden Erinnerungen wach an eine Zeit, als die Stadt zahlreiche Glücksritter und Lebemänner, Potentaten, Spieler und solche, denen Vergnügen über alles geht, wie ein Magnet anzieht. Die USA sind nicht weit, und was in Miami verboten ist, das ist es in Havanna noch lange nicht – und wenn doch, so lässt sich durch ein Bündel Dollarnoten Illegales in Legales umwandeln. Die Stadt quillt über von Bars und Bordellen, Cafés und Casinos, von Lokalen und Tanzschuppen, und die altehrwürdigen kolonialen Bauten der Altstadt liefern dazu eine Silhouette, die so gar nicht passt zu dem Treiben auf den Straßen und Gassen, den Höfen und Hinterhöfen. Wer etwas auf sich hält, der stellt seinen Reichtum zur Schau, etwa, indem er sich mit einer jungen Kubanerin im Arm, einer Flasche Rum auf dem Tisch und einer Havanna im Mund zeigt.
Ja, die Havanna, sie ist zu dieser Zeit schon längst eines der Symbole von Reichtum und Macht. Diejenigen, die es sich leisten können, eine Havanna nach der anderen zu rauchen, tun damit jedem kund, dass sie es »geschafft« haben. Zugleich auch zum Synonym für feine Lebensart geworden, bewegt sich die Havanna sozusagen in »besseren Kreisen«, einerlei, ob den jeweiligen Kreisen Bankleute und Großindustrielle oder Generäle und Minister oder Honoratioren und Würdenträger oder Bildhauer, Komponisten, Maler, Musiker und Schriftsteller angehören.
Vom Tabaklieferanten zum »Mutterland der Cigarre«
Der Erfolg der Havanna. Seine Ursprünge reichen rund zwei Jahrhunderte zurück. Warum die kubanische Cigarrenindustrie gerade in dieser bewegten Zeit einen so rapiden Aufschwung nimmt, hat mehrere Gründe…
Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wird nahezu der gesamte auf Kuba geerntete Rohtabak zur Iberischen Halbinsel verschifft, um in Sevilla zu Cigarren verarbeitet zu werden. Rund ein Jahrhundert später gehen Nachkommen der ersten spanischen Kolonisten auf Kuba dazu über, vermehrt selbst Cigarren herzustellen, nachdem sie den Anbau der Tabakpflanzen weiterentwickelt haben. Als dann irgendwann zu Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Torcedores der »Königlichen Cigarrenmanufakturen« bei einer Importsendung feststellen, dass die aus Kuba importierten Blätter wie stets die Überseereise gut überstanden haben, dass sich jedoch die in Sevilla hergestellten Cigarren mit den in hervorragendem Zustand befindlichen aus Havanna, die, in kleiner Zahl, ebenfalls die betreffende Reise angetreten haben, absolut nicht messen können, wollen sich die Spanier mit ihrer Sekundärqualität immer weniger zufrieden geben. In den Jahren darauf geht die Cigarrenproduktion in Spanien allmählich zurück, während sie auf Kuba in gleichem Maße ansteigt. Um die Jahrhundertwende wird dann der Niedergang der spanischen Manufakturen endgültig eingeläutet.
In der Folgezeit kehren viele derjenigen Spanier, welche die Kunst der Cigarrenherstellung beherrschen, ihrem Heimatland den Rücken und lassen sich auf Kuba nieder, um dort der zuvor in Andalusien und anderswo ausgeübten Tätigkeit nachzugehen. Der eigentliche Aufschwung jedoch, den die Havannas im 19. Jahrhundert nehmen, ist in erster Linie auf ein Dekret König Ferdinands VII. zurückzuführen, das im Jahre 1821 in Kraft tritt. Hierin gewährt er der unter spanischer Herrschaft stehenden Insel Kuba freien Handel. Als dann noch gegen Mitte des 19. Jahrhunderts die Produktionstechniken in den Fábricas erheblich verbessert werden können und dadurch die Qualität der Cigarren kontinuierlich steigt, setzt ein wahrer Havanna-Boom ein.
Aufschwünge, Einfälle – und große Umbrüche
Zu dieser Zeit, 1850, kommt ein kleines Papier auf den Markt, ohne das der weitaus überwiegende Teil der angebotenen Cigarren auch heutzutage nicht mehr auskommt: die Bauchbinde. Es ist der deutschstämmige Gustav Bock, der die Bauchbinden als erster einführt. Der findige Cigarrenhändler, der zunächst mit dem Im- und Export von Havannas und später mit der Herstellung eigener Cigarrenmarken gutes Geld verdient, denkt dabei weniger an die Ebenmäßigkeit gepflegter Finger, deren Erhalt so manchem adligen und honorigen Cigarrenraucher unendlich zermürbendes Kopfzerbrechen bereitet – Don Gustavo denkt also nicht daran, diese Finger vor jeglicher denkbarer Unbill, etwa vor Verfärbungen, zu schützen, sondern hat damit etwas ganz anderes im Sinn. Die Idee mit den Anillas entspringt vordergründig schnödem Mammondenken: Durch diese in schlichtem Weiß gehaltenen Papierringe sollen sich Bocks Cigarren von denen der Konkurrenz unterscheiden. Das tun sie denn auch – jedoch nicht lange.
Mit der damaligen zunehmenden Verbreitung der Lithographie ist es bald leicht möglich, diese Papierringe farbig zu bedrucken – und schon kurze Zeit nach Einführung der Bauchbinde schmückt der gebürtige Gallizier Ramón Allones seine Cigarren mit farbigen Anillas, und bald präsentiert sich ein Cigarrenring farbenfroher als der andere. Nahezu täglich entstehen neue kleine Kunstwerke, welche die verschiedensten Cigarren verschönern. Ins Auge fallende Symbole sind darauf zu sehen, ebenso Schriftzüge in Goldprägung. Der Möglichkeiten, eine Bauchbinde unverwechselbar und individuell zu gestalten, gibt es jedenfalls zusehends mehr. Heutzutage mag so mancher jene Anillas der damaligen Zeit in der Nähe des Kitschs ansiedeln, doch die farbenprächtige Gestaltung der Bauchbinden wie auch der Vistas, Cubiertas und Bofetöns ist seinerzeit en vogue – und ein Stück Alltagskultur.
Zeiten des Wechsels …
Erst Mitte der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hält ein Design Einzug im Auftritt einer Marke, das, nach heutigen Maßstäben, diesem Begriff gerecht wird: Im Jahre 1935 erblickt die »Montecristo« das Licht der cigarophilen Tabakwelt – und mit ihr ein bis dato ungewöhnliches äußeres Erscheinungsbild: Sechs gekreuzte Degen bilden ein rechtwinkliges Dreieck; zwischen jeweils zwei Klingen ist, in Versalien, lediglich »Monte«, »Cristo« und »Habana« zu lesen; schließlich, unterhalb des eigentlichen Logos, noch einmal der Name »Montecristo«.
In den Jahrzehnten zuvor hat sich einiges getan, das Einfluss auf die Cigarrenwelt hat beziehungsweise haben wird: 1874 kommt Winston Churchill zur Welt, der wohl bekannteste Cigarrenraucher der Geschichte; 1887 wird der Jahrhundertpianist Arthur Rubinstein geboren, über Jahre Besitzer einer Tabakplantage auf Kuba; 1903 erwirbt in La Habana ein gewisser Fernández Rodríguez, allgemein nur »Don Pepin« genannt, die Cigarrenmarke »Romeo y Julieta«, die bis dahin ein eher kümmerliches Dasein gefristet hat und in den darauffolgenden Jahren durch die Aktivitäten des umtriebig-skurrilen Multimillionärs zur weltweit meistverkauften Havanna avanciert; 1906 gibt im ukrainischen Novgorod-Seversk ein jüdisches Elternpaar seinem zweitältesten Sohn den Vornamen Sussele-Meier, aus dem recht bald der Ruf- und dann auch der offizielle Name »Zino« wird; 1909 wird im ostwestfälischen Bünde »August Schuster« gegründet, heute noch eine der wenigen in Privatbesitz befindlichen Cigarrenfabriken in Deutschland; 1910 stirbt Edward VII. von England, einer der leidenschaftlichsten Cigarrenraucher seiner Zeit; 1919 wird auf Kuba Alejandro Robaina geboren, der in hohem Alter zum Aushängeschild kubanischer Cigarrenmacherkunst avancieren soll; 1921 stirbt Gerhard Dannemann, als Geraldo Dannemann Begründer eines Cigarillo- und Cigarrenimperiums; 1924 wird Thomas Manns Zauberberg veröffentlicht, in dem der Literaturnobelpreisträger durch den Protagonisten Hans Castorp der Cigarre und insbesondere der Marke »Maria Mancini« ein literarisches Denkmal setzt; 1926 erblickt Avo Uvezian im Libanon das Licht der Welt, später erfolgreicher (Jazz)Musiker und noch später ambitionierter Cigarrenhersteller; im selben Jahr wird Fidel Castro geboren, der als charismatischer Máximo Líder nahezu ein halbes Jahrhundert an der Spitze des Inselstaats Kuba stehen wird; und zwei Jahre darauf kommt Ernesto »Che« Guevara zur Welt, argentinischer Arzt, kubanischer Revolutionsheld und in den sechziger und siebziger Jahren Ikone zahlreicher westlicher Protestbewegungen.
Unter der Führung der Letztgenannten, Comandante en Jefe der eine, Comandante der andere, stürzen einige wenige Freiheitskämpfer, immer stärker unterstützt von einheimischen Campesinos und Tabacaleros, das verhasste Batista-Regime, und am 1. Januar 1959 ziehen Guerilleros als Sieger der Kubanischen Revolution in Havanna ein. Es folgen weitere turbulente Jahre, und auf Kuba ist bald nichts mehr so, wie es zuvor lange gewesen ist: Schon im Jahr des Triumphes der Revolution kommt es zum Bruch mit den bürgerlichen Kräften, und eine erste Agrarreform führt zur Enteignung der Großgrundbesitzer; im Jahr darauf eskalieren die Spannungen zwischen Kuba und den USA, die von Beginn an den neuen Machthabern mehr als ablehnend gegenüberstehen, wird ein erstes Handelsabkommen mit der Sowjetunion vereinbart, werden einheimische wie ausländische Großunternehmen verstaatlicht, verhängen die USA ein Wirtschaftsembargo gegenüber Kuba (das in der Folgezeit mehrere Male erweitert werden wird); wiederum ein Jahr später brechen die USA die diplomatischen Beziehungen zu Kuba ab, starten 1500 Exilkubaner, unterstützt von der CIA, eine Invasion und landen in der »Schweinebucht« (eine Invasion, die jedoch von kubanischen Streitkräften schon im Keim erstickt wird), startet die Regierung in Havanna eine für Lateinamerika beispiellose Alphabetisierungskampagne; schließlich, 1962, stationiert die Sowjetunion Atomraketen auf Kuba.
… und Zeiten der Wirren
In diesen Jahren steht Kuba wie wenige andere Staaten im Fokus der Weltöffentlichkeit, vor allem in den Monaten der »Raketen-« beziehungsweise »Kubakrise«, welche die Gefahr eines dritten (atomaren) Weltkriegs heraufbeschwört, die erst dann abgewendet ist, als die US-amerikanische Marine eine Seeblockade um die Insel errichtet, die USA zudem zusichern, in Kuba nicht militärisch zu intervenieren, woraufhin die Sowjetunion ihre Raketen auf Kuba abzieht.
Es sind wirre Zeiten damals im Land Castros, auch für die einheimische Cigarrenindustrie. 1963 werden im Zuge der zweiten Agrarreform alle mittleren landwirtschaftlichen Betriebe verstaatlicht, wovon zahlreiche Fábricas betroffen sind. In der Folgezeit emigrieren viele Cigarrenmacher, ein Großteil von ihnen Meister ihres Fachs, und lassen sich in der Karibik, meist in der Dominikanischen Republik, sowie auf dem mittelamerikanischen Festland nieder, bevorzugt in Nicaragua und Honduras, um sich in ihrer Wahlheimat eine neue Existenz aufzubauen. Hier bringen sie nicht nur ihr cigarophiles Know-how ein, sondern haben auch sehr oft etwas ungemein Wertvolles im Gepäck: Tabaksamen, den sie nun mit dominikanischem, honduranischem, nicaraguanischem und anderem einheimischem Saatgut kreuzen und somit für Züchtungen sorgen, die neue Tabakpflanzen hervorbringen. Zwar sind die Unterschiede zu den kubanischen Pflanzen mitunter nur marginal, aber, bedingt durch den jeweils vorherrschenden Boden und durch die von Region zu Region andersartigen klimatischen Verhältnisse, steht den Cigarrenmachern Mittelamerikas eine stetig wachsende Bandbreite erstklassigen Tabaks zur Verfügung, woraus sich wiederum eine enorme Cigarrenvielfalt ergibt.
Im Nachhinein kann die beschriebene Entwicklung dem heutigen Cigarrenconnaisseur nur recht sein, kann er sich doch unter Hunderten von Marken und Serien sowie unter Tausenden von Formaten für diejenigen Exemplare des braunen Goldes entscheiden, die seinem Geschmack von einer guten Cigarre voll und ganz entsprechen.
Texte: mit freundlicher Genehmigung von Cigarrenconnaisseur und Autor Dieter H. Wirtz
»Tabak ist die Pflanze, die Gedanken in Träume umwandelt.«
VICTOR HUGO, französischer Schriftsteller
»Eine gute Havanna gehört zu den besten Dingen,
die ich kenne.«
WILLIAM SOMERSET MAUGHAM, englischer Erzähler
»Auch der sinnloseste und unglückseligste Tag scheint am
Ende gut verbracht, wenn man durch den blauen,
wohlriechenden Rauch einer Havanna auf ihn zurückschaut.«
EVELYN WAUGH, englischer Schriftsteller